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Märkische Allgemeine • Dienstag, 12. Juli 2005

Mitsingen erwünscht

Berliner improvisiert an der Orgel

CORNELIA FELSCH

NEURUPPIN • Wie sich die verjazzten Improvisationen eines Kirchenorganisten anhören, konnten die Neuruppiner am Sonntagnachmittag in der Klosterkirche erleben. Unter dem Titel "Darf ich bitten?" gab Joachim Thoms ein heiteres Improvisationskonzert.

Seit 1992 ist er hauptamtlicher Kirchenmusiker an der katholischen Pfarrkirche St. Josef in Berlin-Weißensee. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit improvisatorischem Orgelspiel.

In seinem Programm schlägt Thoms eine Brücke von zeitgenössischen Ausdrucksformen hin zur Musik verschiedener Epochen. Im Zusammenspiel mit der klangvollen Akustik einer großen Kirche werden Volkslieder und Choräle neu entdeckt. „Ich empfehle Ihnen, singen Sie ruhig mit. Sie haben dann mehr Freude an dem Konzert", so ermuntert der Musiker in seinen einleitenden Worten die Zuhörer. Das Publikum bemühte sich, hatte aber gegen die gewaltige Orgel wenig Chancen.

Volkslieder aus der Kindheit

Die Freude an den vielfältigen Klangfarben der Improvisation ist dem Künstler anzumerken. Der freie Umgang mit der klassischen, „ernsten" Musik erschließt neue Möglichkeiten, die Freude überträgt sich auf die Musikinteressierten, sie singen Volkslieder mit, die aus der Kindheit auftauchen.

Dramatisch erklingt die Auftaktmelodie der Fernsehserie "Tatort". "Peter und der Golf" - ein Bilderbuch in vier Szenen. Die erste trägt den Titel "Autoklau" und erreicht ihren Höhepunkt, als der Organist aufspringt und mit einem Hämmerchen eine Glasscheibe zerschlägt. Der Täter flieht, das Tempo steigert sich, die Hände fliegen über die Tastatur. Eine rasante Verfolgungsjagd beginnt, der Täter wird gestellt: "Guten Tag, Fahrzeugpapiere und Führerschein bitte- Folgen Sie mir aufs Revier!" Leise ertönt das Tatort-Motiv, wird verwandelt, löst sich auf und es entsteht das Moorsoldatenlied.

Mit sphärischen Klängen in eine andere Welt

Sphärische Klänge tragen die Zuhörer in eine andere Welt: "Peter, aufwachen, du musst zur Schule." Laute Trompetensignale ertönen, die Klangwelle ebbt ab, es erklingt "Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein".

Klassik, Romantik, Moderne werden unterbrochen von Textfragmenten oder Volksliedern. Johann Sebastian Bach erobert sich den Klangraum der Kirche, Toccata und Fuge in d-Moll (Mitsingen verboten). Die gewaltigen, voll tönenden Akkordfolgen sind verklungen, eine leichte, märchenhafte Melodie schwebt durch den Raum, die "Morgenstimmung" aus der Peer-Gynt-Suite von Edward Grieg.  "Andante Morgenrocco" - so betitelt Joachim Thoms den ersten Satz seiner Sinfonie. In den Variationen taucht die heimliche Nationalhymne Englands auf, die Melodie des "Pomp and Circumstance". Auf Großveranstaltungen singen tausende Engländer diesen Marsch. Das gewaltige gemeinsame Musikerlebnis sowie der lockere Umgang mit klassischen Werken beeindrucken den Künstler.

"Mitsingen empfohlen" lautet die Aufforderung im dritten Satz. Die Konzertbesucher singen gemeinsam das Volkslied "Ein Jäger aus Kurpfalz". Vielleicht ist das ja ein Anfang.